Seidel Kundentag 2011

Am 21. September 2011 öffnete SEIDEL Elektronik in Deutschlandsberg die Tore und lud zu einem Kundentag. Höhepunkt des Programms war der Vortrag von Prof. Wilfried Sihn, von der TU Wien und dem Fraunhofer Institut für grafische Datenverarbeitung IGD. Danach zeigten wir einen Überblick über die nächsten Schritte, die SEIDEL setzt: In Richtung Clean Production, in Richtung neue Logistikmodelle. Alles für Sie aufbereitet im neuen SEIDEL-Newsletter. Wir wünschen Ihnen informative Lesezeit!

Interview mit Prof. Wilfried Sihn

Wilfried Sihn lehrt als Professor für Betriebstechnik und Systemplanung am Institut für Managementwissenschaften an der TU Wien. Als Geschäftsführer der Fraunhofer Austria Research GmbH verantwortet er den Geschäftsbereich Produktions- und Logistikmanagement in Wien. Seit Jahren hält Sihn Vorlesungen im Fachbereich Logistik und Supply Chain Management (SCM), beim SEIDEL Kundentag in Deutschlandsberg am 21. September 2011 lieferte er Mitarbeitern und Kunden einen spannenden Vortrag zum Thema „Turbulenzen der globalisierten Wirtschaft und mögliche Reaktionsstrategien“. Wir haben ihm dazu ein paar Fragen gestellt…

Neben der Vorstellung Ihres Institutes haben Sie uns Ihr Bild der allgemeinen wirtschaftlichen Lage und Entwicklung gezeichnet. Wie sehen Sie die kommenden 12-18 Monate? Wie sehen Sie dies für die Elektronikindustrie?

Trotz der aktuellen Turbulenzen an den Finanzmärkten ist mit einem stabilen Wachstum der Elektronikindustrie auch 2012 zu rechnen, Zuwachszahlen von 20-30% wie im Jahr 2011 – welche vor allem auf die massiven Einbußen im Krisenjahr 2009 zurückzuführen sind – können aufgrund der aktuellen Marktprognosen jedoch nicht mehr erwartet werden.

In Ihrem Vortrag sprachen Sie spezielle vom Thema „Wandlung“. Was verstehen Sie darunter und wie unterscheiden Sie „Wandlung“ von „Flexibilität“?

Der Begriff Flexibilität beschreibt die Fähigkeit eines Systems, sich schnell und nur mit sehr geringem finanziellen Aufwand an geänderte Einflussfaktoren innerhalb eines bereits definierten Handlungskorridors anzupassen. Wandlungsfähigkeit ist die Fähigkeit diesen Korridor ohne erheblichen finanziellen Aufwand und ohne größere zeitliche Verzögerungen verlassen zu können. Ein Vorhalten von Flexibilität, also die Möglichkeit sich an alle Veränderungen anpassen zu können, stellt daher aus wirtschaftlicher Sicht nicht die optimale Lösung dar.

Welche „Wandlungstreiber“ sehen Sie derzeit auf uns zukommen?

Seitdem die Märkte nach den Krise wieder an Fahrt auf nehmen, ist ein Wandel der bereits zuvor dynamischen Märkte zu hyper-dynamischen Märkten erkennbar. Die stark wachsende Nachfrage, der zunehmende Kostendruck, die hohe Variantenvielfalt, kurze Lieferzeiten und immer kürzer werdende Produktlebenszyklen prägen auch in Zukunft die Elektronikindustrie, wodurch eine unternehmensübergreifende Betrachtung der Prozesskette vom Kunden bis hin zu Sub-Lieferanten noch mehr im Vordergrund stehen wird. Die stärkere Integration von Lieferanten in die Wertschöpfungskette erfordert ein proaktives und ganzheitliches Lieferantenmanagement sowie transparentere Kommunikations- und Informationskanäle zur unternehmensübergreifenden Harmonisierung der Planungsprozesse. Neben den bekannten Wandlungstreibern, wie kürzere Produktlebenszyklen und Individualisierungswünsche der Kunden, wird sicher die Zunahme der Elektromobilität eine wesentliche Rolle in der Elektronikindustrie spielen.

Die vergangenen 12 Monate hat fast jedes Unternehmen an einer Produktionsoptimierung gearbeitet. Sehen Sie nach Ihren Studien in Unternehmen weitere Optimierungspotentiale (Administration)? Wenn Ja welche und in welcher Höhe?

Viele Unternehmen vermuten Verbesserungsmöglichkeiten in Ihrer Verwaltung oder den indirekten Bereichen, doch wie schlank sind die Prozesse in diesen Bereichen wirklich? Bisher fehlt eine klare Strategie, um Potenziale aufzudecken und zu realisieren. Lean Administration ist eine Weiterentwicklung des Lean Production-Ansatzes, um

  • Lean Production auch in administrativen Bereichen umzusetzen zu können,
  • bestehende Prozesse auf Effizienz und notwendige Kapazitäten zu bewerten
  • und Prozesse zu optimieren und Arbeitsinhalte optimal zu verteilen.

In der von uns 2010 in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut in Stuttgart durchgeführten Studie „Lean Office“ wurde die Relevanz dieser Thematik anhand der Ergebnisse einer Befragung von ca. 350 Unternehmen genauer untersucht und vorhandene Optimierungspotentiale aufgezeigt.

So setzen derzeit ca. 50 % der befragten Unternehmen den Schwerpunkt ihrer Optimierungsaktivitäten ausschließlich in der Produktion, ca. 25 % in der Produktion und in der Administration und ca. 25 % nur im administrativen Bereich.

Die größten Optimierungspotentiale in der Zukunft sehen ca. 40% der befragten Unternehmen in den administrativen Bereichen und nur mehr ca. 20% ausschließlich in der Produktion, wodurch der Lean Administration-Ansatz einen wesentlichen Bestandteil zukünftiger Optimierungsvorhaben darstellen wird.

Welche Grundvoraussetzung muss eine Kunden/Lieferantenbeziehung erfüllen, damit sie solch schwierige Phasen wie im Vorjahr gut übersteht? (Kommunikation)

Anhand der Ergebnisse einer vom Fraunhofer-Institut in Stuttgart durchgeführten Studie sehen mehr als 40 % der befragten Unternehmen die Ursache für lange Auftragsdurchlaufzeiten u. a. in Schnittstellenproblemen zu Kunden und Lieferanten und sogar 70% in den internen Kommunikationswegen. Die Grundvoraussetzung für eine erhöhte Wandlungsfähigkeit von Unternehmen stellen standardisierte und transparente Prozesse mit klaren Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sowie wertschöpfungsketten-Übergreifende Informations- und Kommunikationskonzepte dar.

Welches Motto geben Sie uns mit?

Und warum gerade dieses?

Frei nach Darwin: „Es sind nicht die Stärksten, die überleben, sondern diejenigen, die sich am besten und schnellsten auf neue Umgebungsbedingungen einstellen können.“ Da man über die Zukunft mit Sicherheit vermutlich nur sagen kann, dass sie turbulenter werden wird als die Vergangenheit, sollte man sich überlegen, wie man sein Unternehmen möglichst anpassungsfähig gestalten kann. Dafür notwendig sind aus meiner Sicht nicht nur Prozesse minimalen Reaktionszeiten und veränderungsbereite Mitarbeiter, sondern auch ein gut ausgebautes, internationales Netzwerk zu Kunden und Lieferanten.